Radio Ton und der „Skandal“

May 30, 2013

Wie ein Sender erfolgreich seine Hörer empört. Wenn auch anders als gedacht. ////

 

 

Ich höre Radio Ton. Das Musikkonzept gefällt mir, hin und wieder Regionales. Ich habe das Gefühl, das ist mein Sender. Die Morning-Show ist perfekt besetzt: da ist „der Lennert“, der smarte Typ von nebenan und die quirlig-fröhliche Dany als idealer weiblicher Sidekick. Und dann ist da noch der immer etwas abseits stehende „Stocki“. Er ruft meist aus dem Studiohintergrund, macht unpassende Kommentare. Ein klassischer Trickster, wie er da für ein wenig programmatisches Chaos und kalkulierte Menschlichkeit sorgt.

 

Die Figuren sind eingeführt, die Exposition abgeschlossen, das Drama kann beginnen. Und das dreht sich rund um eine Aktion: Eine/r des Moderationsteams wird im Free Fall Tower furchtbar leiden, eine Stunde lang nach oben gefahren werden und im Minutentakt im freien Fall herab gelassen. Wen dieses Schicksal treffen soll, das entscheidet allein der Hörer. Also ruft an, auf auf! Die Abstimmung läuft!

„Und? Wie sieht es aus? Wer liegt vorne?“ Natürlich der Stocki! Dany ist beruhigt, dass sie ganz weit hinten liegt, Stocki jammert über seine Spitzenposition. Mich holt ein Gedanke ein, der mich immer in solchen Situationen beschleicht: Eben immer dann, wenn Menschen versichern, wie sehr sie etwas nicht wollen, und dabei doch gerade nach eben dieser Aufmerksamkeit gieren als Beweis dafür wie hoch im Kurs sie beim Hörer stehen.


Stocki bekommt vom Sender nochmal eine Plattform im Programm: Am Nachmittag ruft er die Hörer auf, nicht mehr für ihn anzurufen, da er an Höhenangst leidet und diese ganze Aktion irgendwie plötzlich gar nicht mehr so lustig findet.

 

Ich sitze gerade im Auto, höre zu und stelle mir in Gedanken die morgendliche Konferenz beim Sender vor: „Die Idee des Free Fall Towers wird geboren. Alle sind dafür, nur natürlich Stocki nicht. Halt, natürlich auch Lennert und Dany nicht, denn schließlich will niemand in diesen furchtbaren Free Fall Tower. Deshalb wehren sich die drei Moderatoren natürlich heftig, auch Stephan Stock, off air mal nicht in der Rolle des grenzdebilen Stocki. Er macht deutlich, wie sehr er an Höhenangst leidet und schlägt eine andere Aktion vor… Die Kollegen lachen nur und zwingen die Moderatoren trotz allem zu genau dieser Aktion“ … Natürlich nicht.

 

Der Radiowecker reißt mich am nächsten Morgen mit den aufgeregten Worten von Lannert & Co aus dem Schlaf. Oh! Ah ha! Innerhalb eines Tages hat sich das Abstimmungsergebnis dramatisch verändert! Das ist ja seltsam, rezitiert Dany gebetsmühlenartig, gestern sah das doch noch so anders aus…? Zitat: „Ich weiß gar nicht, was da passiert ist!“ Verrückt!

Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Dany wird eine Stunde lang lachend auf dem Free Fall Tower gequält, verliest dabei das Wetter, immer wieder unterbrochen von ihren eigenen Schreien und Lachanfällen. Warum nochmal gibt es diese Free Fall Tower-Aktion? Ach ja, richtig, weil jemand leiden muss. Ja, arme Dany.

 

Schließlich das Unvermeidliche: Der Skandal! Jetzt kommt raus, Stocki hat manipuliert! Und das erfahre ich schon wieder im Morgenprogramm. Wie ehrlich und selbstkritisch, mag da manch einer denken. Und dann erzählt mir Dany auch noch: Die eigene Programmleitung hat es herausgefunden. „Wirklich?“, denke ich mir, „der Programmleiter interessiert sich für die Abstimmung dieser albernen Free Fall Tower-Aktion? … Ist ja auch wichtig!!! Deshalb handelt der auch schnell: Suspension.

Und was erzählt „der Lennert“ dann einem verstörten Anrufer auf Sendung? „Ja, wir fanden das auch alle komisch, das Ergebnis, deshalb hat unser Programmleiter das nochmal kontrolliert und dann festgestellt, dass die ganzen Stimmen von Stockis Computer kamen!!!“

 

Jetzt ist auch bei mir Schluss mit lustig, banal und albern. Ein ekliges Gefühl: Ich werde verarscht. Eben dieser Stocki, der es augenscheinlich nicht schaffte die Aktion im Vorfeld intern durch ein einziges Wort zu verhindern, der setzt sich nun stundenlang vor seinen Arbeits-Computer und votet mit Tausenden von Klicks Kollegin Dany „nach oben“? Und der Programmleiter bekommt das mit seinen immensen informationstechnischen und kriminalistischen Fähigkeiten einfach so heraus? Idealerweise erst zu einem Zeitpunkt als Dany schon längst fallen musste?

 

Jetzt ist das Trio also ein Duo. Der Bösewicht moderiert nicht mehr und natürlich rufen rund um die Uhr Hörer an, die den armen, an Höhenangst leidenden Moderator wieder in Lohn und Arbeit „hören“ wollen. Die so schändlich betrogene Dany, die für ihre unverdiente Stunde Leid auch so einiges Mitleid und nette Worte erntet, ist hörspielreif menschlich enttäuscht und moralisch empört. Lennert pflichtet ihr geknickt bei und ruft dazu auf unter folgender Nummer weiter kräftig zu diesem Thema anzurufen.

 

Alles ein medienwirksamer Fake? – Eins ist anders als bei vergangenen hausgemachten Radio-Skandalen. Bisher war der suspendierte Moderator ein moralischer Held, brach die Regeln aus purer Heldenhaftigkeit. Bei Radio Ton bricht der Moderator auch die Regeln, doch ganz unehrenhaft aus einer menschlichen Schwäche heraus. Kann das noch ein PR-Gag sein?

 

Doch auf die Medien ist Verlass. Ein Skandal ist ein Skandal. Das wissen wir spätestens seit Guttenberg und Wulff. Negative Aufmerksamkeit ist immer stärker als positive, Empörung wird mehr gehört als Lobeshymnen. Und eins wissen wir dank den beiden auch: Menschen verzeihen. „Jeder macht mal Fehler, gebt dem Stocki noch eine Chance“, proklamiert des Volkes Stimme auf facebook, „die Suspensionsmaßnahme ist viel zu übertrieben“. Medien lernen eben schnell.

 

Selbst dieser Text ist damit wohl leider Teil der kalkulierten PR-Aktion, die Diskussion der lange Arm der Werbung. Doch hilft das Schweigen? Ich denke nein – denn was lehrt uns Radio Ton so eindringlich: Linke Betrügereien gehören aufgeklärt!

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