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Zwischen Relevanz, Hörer und Boulevard - was macht Themen "wichtig"?

December 20, 2019

 

Ein plötzlich sehr leidenschaftliches Gespräch zwischen Freunden vor ein paar Tagen hat mich nicht mehr losgelassen. Es ging darum, wie ein Radiosender Themen auswählt und welche Rolle die Hörer und das viel bemühte Wort „Relevanz“ dabei spielen. Es ist eine der zentralsten Fragen für Journalisten und Redaktionen – das ist meine Antwort.

 

Wie sollte ein Radiosender seine täglichen Themen auswählen? Wann ist etwas Boulevard? Wann notwendig und wann „relevant“?

 

Eine Hauptaufgabe eines jeden Radioredakteurs ist die Frage, welches Thema schafft es in die heutige Sendung, auf die Website oder in die Nachrichten. Und das ist schon allein deshalb nicht einfach, weil Themen überall herumliegen: es gibt Agentur-Meldungen, Pressemitteilungen, lustige Videos im Netz, Polizeiberichte, persönliche Erlebnisse und feste Tagesordnungspunkte im Bundes- oder Gemeinderat.
 

Ein Freund sagte: „Sender sollten nicht so sehr darauf schauen, was die Zuhörer hören wollen. So gehen wichtige Themen verloren“.

 

Ist das so? Vergleichen wir das „Thema im Radio“ doch einfach mal mit einem „Thema unter Freunden“ im persönlichen Gespräch. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit Freunden abends zusammen und einer aus der Runde erzählt plötzlich „Mein Vater hat gestern ein Käsebrot gegessen“. Ich persönlich würde demjenigen wohl in die Augen schauen und leicht verwirrt warten, was da noch kommt. Wenn nichts mehr kommt, würde ich fragen „Und warum erzählst du mir das jetzt?“.

 

Im persönlichen Gespräch machen wir alle ganz intuitiv vieles richtig: wir überlegen uns ganz genau, wer vor uns sitzt, wem ich was erzähle, und wer mein Adressat ist. Und uns würde nie einfallen, im persönlichen Gespräch unserem Gegenüber etwas zu erzählen, was so gar nichts mit ihm zu tun hat. Und wenn wir es doch tun, dann doch nur mit einer Erklärung, warum das jetzt für ihn wichtig ist.

 

Man sollte zwischen dem absoluten Begriff „wichtig“ und dem relativen Begriff „relevant“ unterscheiden.

 

Relevanz bedeutet „in einem bestimmten Zusammenhang wichtig“. Sagt mein Freund also nach „Mein Vater hat gestern ein Käsebrot gegessen“ ergänzend auch noch „Wenn du also heute Abend noch bei meinen Eltern vorbeikommen willst, wäre nur noch Wurstbrot da“ wird die Relevanz für den Adressaten deutlich.

 

Sollte es allerdings bei einem bestimmten Thema keinerlei Bezug zum Adressaten geben, dann ist es nach meiner Ansicht unsinnig das Thema auf den Tisch zu bringen. Ein Bekannter, der mir von Dingen erzählt, die er einfach mal so „setzt“ und sich keinerlei Gedanken dazu macht, ob das auch für mich, also den Adressaten, wichtig ist, den lade ich nach einiger Zeit wohl einfach nicht mehr ein („komischer Kauz!“). Entsprechend wird wohl der Hörer eines Senders einfach irgendwann aus- oder umschalten.

 

Eine der wichtigsten Aufgaben eines Radiosenders ist es für mich deshalb, dass bei der Themenauswahl nicht gefragt wird, ist das Thema „wichtig“, sondern ist es „relevant“, das heißt: hat dieses Thema irgendeinen Bezug zu meinem Hörer. Welche Veränderungen stehen dadurch für ihn an oder was kann er daraus für sein Leben mitnehmen. Das ist Arbeit, ja! Aber sie sollte selbstverständlich sein.

 

Wenn sich herausstellt, dass das Thema keinerlei Bezug oder Auswirkung auf den Hörer hat, dann ist es keins. Zumindest nicht für diesen Sender. Wenn es aber durchaus einen bestimmten Bezug zu meinem Hörer hat, sollte der unbedingt herausgearbeitet werden und auch „on Air“ benannt werden („Das heißt, DU bekommst entsprechend das Wurstbrot“). Das gehört für mich zum guten journalistischen Handwerk und sollte unser aller Anspruch als Programmmacher sein.

 

Eine Freundin sagte: „Sender sollten nicht so viel Boulevard-Themen machen – zu viel Emotionales, Empörendes und Leben der Promis“

 

Ist das so? Zunächst: Eine lineare Radiosendung – in der Regel – besteht nicht nur aus einem Thema, sondern aus mehreren. Nur aus der Summe aller entsteht die Sendung. Bei der Auswahl von Themen sollte man demnach nicht nur jedes Thema einzeln betrachten, sondern auch im Zusammenspiel mit den anderen der Sendung. Der Mix macht die Sendung.

 

Bei der Beantwortung dieser Frage hilft wieder der Vergleich zum persönlichen Gespräch. Der eigene Radiosender ist ein Tagesbegleiter. Man hört ihn morgens in der Dusche, vielleicht sogar bei der Arbeit und abends auf dem Weg nach Hause. Er ist dadurch wie ein Freund, der einen tags begleitet.

 

Was macht einen guten Freund aus? Ich persönlich finde, man muss mit ihm lachen können, man muss sich an seiner Seite wohlfühlen, ihm vertrauen können, ihm auch mal ganz intim von seinen Beziehungsproblemen erzählen können, Rat holen können, mal erfährt man von ihm Neues, Wissenswertes, oder auch, dass sich Lisas Freund Michael mal wieder daneben benommen hat. Mal diskutiert man leidenschaftlich, redet über die Weltpolitik, Gott oder auch den Kinofilm, den gerade alle so hypen.

 

Für mich macht genau das auch einen guten Radiosender aus: Comedy und gemeinsames Lachen, einen angenehmen Umgang, mal gute, mal nachdenkliche Laune, Transparenz, Service und natürlich auch ausführliche Gespräche über schwere Themen wie Depressionen, toxische Beziehungen oder das Weltklima. Und ganz wichtig: immer mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe.

 

Beziehungsthemen würde ich mit einem Freund eher abends – mit Zeit – besprechen – das sollte auch ein Radiosender. Lachen, Labern, Banales – das geht wunderbar tagsüber neben Arbeit, Pendeln und Einkaufen. Und für Weltpolitik hab ich besonders einen Kopf auf dem Nachhauseweg – zwischen Arbeit und Feierabend.

 

Was ist also zu viel Emotion, was zu wenig, wie viele „trockene Themen“ gehören in ein Programm?

 

Für mich haben alle Stimmungen, Befindlichkeiten und Themen ihren Platz im Programm, solange sie relevant sind. Die Frage ist nur, wann und in welcher Dosis. Niemand ist gerne täglich mit einem Freund unterwegs, der ständig besorgt ist und Angst schürt. Erst recht nicht mit einem, der rund um die Uhr vom Leid der Welt erzählt, jammert oder ständig von oben herab mit seinem Wissen angibt. Und – klar – auch nicht mit einem, der immer nur blödelt und mit dem man kein einziges tiefgründiges Wort wechseln kann.

 

Ein erfolgreicher Sender verbindet alle Eigenschaften eines guten Freundes in sich, das ist wohl das, was man eine „emotionale Heimat“ nennt. Ein Radiosender ist ein Begleiter und Radiomacher demnach keine Verkünder „per Definition wichtiger“ Themen, sondern die Gegenüber ganz realer Menschen.

 

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