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Die Grube unter der Lupe – Spin-Off von „Warum Katniss ein Vorbild sein könnte“

Im vorigen Blog-Artikel vergleiche ich Facebook mit einer Grube, in der kriegerische Gesellen wild aufeinander losgehen. Und selbst solche, die nicht an Kämpfen interessiert sind irgendwann zu wilden Kriegern werden – sei es aus Müdigkeit oder Selbstverteidigung. Eine Arena, aus der man sich möglichst befreien sollte.


Ich bin überzeugt:

„Diese Grube kann zum Meinungsaustausch dienen, aber man sollte sich der Regeln des Konzerns, der Psychologie und der plattformeigenen Kommunikation bewusst sein.“

Mein Text „Warum Katniss ein Vorbild sein könnte“ hat sich auf die Regeln des Konzerns konzentriert – die Tiger und Giftbeeren, die die Menge aufpeitschen. In diesem Spin-Off will ich mir die Psychologie und Kommunikation unter den Kriegern anschauen. Und damit auch, unter welchen Umständen es möglich sein könnte in der Grube doch so etwas wie eine friedliche Zivilisation aufzubauen.


Algorithmusbedingte Eskalations-Strategien, das "Kapitol", mal außen vor: Woher kommen "Wut und Blutrausch der Tribute", die aus dem Gruben-Happening eine Schlacht machen.


Ist die Menschheit wirklich verdorben?

Was jede Aussage auf Facebook gemein hat und sie von vielen anderen Diskussionen „in der realen Welt“ unterscheidet, ist, dass sie getippt, nicht ausgesprochen wird. Der Facebook-Kommunikation fehlt nicht nur der oft zitierte non-verbale Kanal, auch der sogenannte para-verbale.


Non-verbale Signale sind Gestik, Mimik, Körperhaltung; para-verbale die, die gesprochene Sprache über den Inhalt hinaus vermittelt: der ironische Unterton, das Schmunzeln im Satz, die Stimmung des Sprechenden und nicht zu vergessen: der leise Zweifel. Die para-verbale Information ist für menschliche Gespräche elementar, um Aussagen einordnen zu können – gerade auch, wenn ein emotionales Thema besprochen wird.



Scheint banal – klar: uns ist das doch bewusst. Und dennoch: Unser Gehirn scheint hinterher zu hinken. Die emotionale Reaktion auf eine getippte Aussage ist so augenblicklich, so impulsiv, so schnell da, dass die eigene Emotion schon mit uns durchgeht, bevor wir alle möglichen para-verbalen Lesarten des Getippten durchanalysiert haben konnten.


Die Technik hat unser Gehirn rechts überholt


Noch komplizierter für unseren Verstand wird es durch die technisch-mediale Eigenschaft eines Facebook-Kommentars. Er steht immer „schwarz auf weiß“ – klar, er ist schließlich getippt. Allein dieser Zustand gibt ihm Wucht: Unser Gehirn ist darauf geeicht, dass Getipptes oder Gedrucktes mehrfach geprüft ist, eine eindeutige Haltung zeigt, an der es keinerlei Zweifel mehr gibt. Die Aussage steht – im wahrsten Sinne. Wir legen also für sie Maßstäbe an, die wir früher für Aussagen in Büchern oder Essays angelegt haben.


Der getippte Facebook-Kommentar gleicht jedoch viel mehr dem spontanen, unbedachten verbalen Kommentar, nachdem wir von irgendetwas hören. Er ist – sind wir ehrlich – selten durchdacht, oft emotional und manchmal einfach ziemlich dumm. Er beinhaltet – bei uns allen – Voreiligkeit, Emotion und einen gewissen Mangel an Reflektion.


Was früher ein schneller verbaler Reaktionskommentar unter Freunden war, dessen Schall-Wellen sich sekundenschnell in der Luft verloren haben, ist heute ein schneller schriftlicher Reaktionskommentar in der Öffentlichkeit, dessen Wellen sich sekundenschnell zu hohen Wellenbergen auftürmen – Interferenz, würde eine Physikerin sagen.


Den schnellen gesprochenen Kommentar unter Freunden nimmt man meist – ohne Langzeitschäden – schnell zurück: "Ja, haste Recht, war n unüberlegter Spruch *lach". Den schnellen schriftlichen Kommentar unter Fremden verteidigt man dagegen bis aufs Blut: denn in Sekunden haben sich über den schon so viele empört, dass er zu einem veritablen Mini-Skandal angewachsen ist und in der Folge das Zugeben dieses Irrtums im Schmerzempfinden dem Gang nach Canossa gleichkommen würde.


Manch Hobbyschwimmer, der einfach ne Runde drehen wollte, findet sich plötzlich im Trubel des Wellenbads wieder, und japst nach Luft.


Täglich Millionen kleine Skandale


Früher war ein Skandal auch deshalb ein Skandal, weil er stattfand, obwohl der Auslöser von vielen Menschen noch hätte verhindert werden können: mehrfach redigierte Politiker-Interviews, mehrfach geprüfte Hitler-Tagebücher oder abgeschriebene Passagen in Doktorarbeiten.


Heute ist jede Facebook-Aussage ein kleiner Skandal. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen spricht von einer Skandalisierung der Gesellschaft. Man gesteht der Facebook-Aussage nicht den Status einer schnellen verbalen Reaktion zu, sondern den einer mehrfach durchdachten, von allen Seiten geprüften, schriftlichen Aussage. Die Empörung lässt nie lange auf sich warten.



In einer perfekten Social-Media-Welt würde Facebook wohl Kommentare, die in den ersten zehn Minuten nach Erscheinen eines Posts zu einem Artikel geschrieben wurden, automatisch mit einem kleinen Fähnchen „spontaner Kommentar“ versehen. Oder Kommentare eines Bots mit einem kleinen Fähnchen „maschinell erstellt“. Doch selbst dann: Facebook kann nicht alles ausgleichen. Was Plattform und Gehirn nicht schaffen, die para-verbalen Signale erkennen, müssen wir wohl selbst ausgleichen – wenn wir nicht zu Kriegern werden wollen.


Was Grubenbewohner – wenn sie in der Arena bleiben wollen – machen können


Das Emoji: Es kann den Lesenden helfen einzuordnen, in welcher Tonalität ein Kommentar zu lesen ist. Ist der Schreibende gerade emotional aufgeladen und dadurch eventuell etwas unreflektiert? Meint der Schreibende die Aussage ironisch?

Die Regie-Anweisung wie im Theater: *schlapp nach langem Tag *in schlechter Stimmung geschrieben *mit Schalk in der Stimme *ratlos *leise und zaudernd gesprochen, weil Zweifel

Das Füllwort: Ein „hmm – kann sein“ vor einer Aussage kann mit-kommunizieren, dass man selbst noch überlegt und gar nicht sicher ist, ob man Recht hat.

Das Para-verbale verschriftlichen: „Ich musste gerade sehr lachen“ – „Ich bin mir selbst noch nicht hundert Prozent sicher, aber es kann sein…“ – „Mich hat das gerade so richtig aufgeregt, ich bin auf 180 – und ich muss mir gerade Luft machen“.


Was aber wohl immer fehlen wird, ist die Info:

"Ich bin eigentlich n ganz netter Kerl - mit Freunden und crazy Hobbies. Und man kann mit mir n gutes Pils trinken"

– außer man kennt diesen Kerl auch aus der realen Welt (der Anhöhe). Dann wird man vermutlich instinktiv die Axt senken und sich gegenseitig auf einen Tee einladen: in einem kleinen eingezäunten Garten die Sache in Ruhe und mit Wohlwollen klären.





Weniger Empörung – mehr Gelassenheit


Es scheint weit weg, dass alle Kommentar-Verfasser bewusst mit Kontext, eigener emotionaler Verfassung und Lesarten einer schriftlichen Aussage umgehen. Vielleicht hilft Aufklärung. Aber auch die Rezipienten, die Kommentar-Leser, können sich fragen:


In welcher Stimmung könnte der Verfasser gewesen sein? In welcher Verfassung bin ich gerade? Kann man die Aussage noch anders lesen / interpretieren, als ich es gerade getan habe? Steckt hinter diesem Kommentar vielleicht nicht „brauner Abschaum“, sondern jemand, der kurz wütend war? Jemand, der Angst hat? Jemand, der Facebook und seine Eigenheiten nicht versteht?


Weniger Skandal, weniger Empörung, mehr Gelassenheit. Innehalten und versuchen zu verstehen, bevor die Keule geschwungen wird. Dann gibt es auch wieder Senatoren und Priester in der Grube, nicht nur Krieger. Und die, die es dann noch gibt, die "Krieger des Krieges wegen", sollten Fälle der Gruben-Polizei werden. Diskursverweigerer also bei Facebook melden, nicht mit ungewollt helfenden Gegen-Kommentaren belohnen – oder anders gesagt: Anzeige erstatten anstatt selbst zu prügeln.