Warum bewährte Zivilcourage-Regeln nicht überall gelten –oder: warum Katniss ein Vorbild sein könnte

Muss man auf Facebook sein und seine Meinung sagen? Muss man mitmischen? Ich denke nicht. Und ich erkläre, warum.


Stellen wir uns „Facebook“ als eine große Grube vor – vielleicht etwas morastig, schlammig. Darin: ein Haufen Menschen, der wie wild aufeinander losgeht. Das Bild scheint nicht wahnsinnig innovativ und neu. Aber lasst uns trotzdem mal gemeinsam von oben, vom Rande der Grube, in dieses Kampfgetümmel hinunterblicken:


Da sind kriegerische, wilde Typen, die mit ihrer Wikingeraxt durch die Menge mähen. Sie kämpfen gegen andere, teils ebenso wild bemalte, die sich empören über diese „Brutalität des Axtschwingens“, die sich dann eine Axt schnappen, um diesen Menschen beizukommen. Im Schlachten-Getümmel fliegen immer mal wieder Holzschilder in die Luft, kurz erkennt man Schriftzüge wie #ichbinhier oder #umweltsau darauf, bevor sie am Boden zerbersten. Ein priesterhafter kleiner Mann versucht mit sanfter Stimme zu schlichten, ein paar halten kurz inne, ein Schwert-Knauf trifft den Mann am Hinterkopf – er fällt benommen mit dem Gesicht in den Schlamm. Doch er rappelt sich wieder auf, greift stirnrunzelnd nach einem Holzknüppel und sagt: „Es reicht. Jetzt werde ich auch mal emotional. Ich war lange genug ruhig, die wollen es ja nicht anders.“


Mehr zur Grube und ihren Bewohnern in diesem Gruben-Spin-Off


Wer klug ist, kraxelt aus dem Morast und zieht sich mit letzter Kraft über den Rand der Grube. Atmet durch und schaut sich in Ruhe die Gesichter der Menschen auf der Anhöhe an. Von unten schreit ein Krieger: „Hey, komm zurück, wir müssen durchhalten, wir müssen uns entgegenstellen, wir müssen Kante zeigen, wir dürfen denen nicht das Feld überlassen!“ Aus der Grube kommt Applaus.


Wer die Regeln macht…


Für viele waren die sozialen Netzwerke, als sie aufkamen, ein Weg zu mehr Demokratie: der öffentliche Diskurs plötzlich weniger hierarchisch, basisdemokratischer. Doch wer die Kommunikation auf Facebook basisdemokratisch nennt, übersieht, dass Facebook die Regeln macht. Und zwar unbemerkt, versteckt, im Hintergrund: Die bisherigen Hierarchien sind abgelöst, ja - aber von Algorithmen. Und die sind um einiges autokratischer als „indirekte Demokratie“ es jemals sein könnte.


Facebook ist nicht der offene Marktplatz, oder das Forum im Alten Rom – Facebook ist die Arena der „Hunger Games“. Und die Programmierer sind das „Kapitol“. Der Kampf in der Grube wird beeinflusst – von Tigern, die das Kapitol hin und wieder zur Anfachung in die Menge schickt, oder kleinen Giftbeeren, die Wut, Emotion und Leichtsinn fördern.


Und das ist aus Sicht von Facebook nur sinnvoll: Der Konzern stellt eine kostenlose App zur Verfügung. Ziel des Unternehmens ist es, dass möglichst viele möglichst lang in dieser App bzw. auf dieser Plattform verweilen – denn das macht sie attraktiv für Werbekunden. Eine gute Gewinnstrategie ist dabei die Emotion – die negative noch mehr als die positive. Denn Wut lässt lange Kommentare schreiben. Je mehr wir uns aufregen, desto länger bleiben wir, um „uns zu wehren“ und die Welt wieder „gerade zu rücken“.


Der Rhetoriker Benedikt Jockenhöfer hat mit einigen IT-Experten über diese Algorithmen gesprochen – in diesem Video beschreibt er eindrucksvoll, wie sie dafür sorgen, dass „in der Arena“ genau das passiert, was wir eigentlich NICHT wollen.



Die medium-immanenten Eigenschaften der Plattform entmenschlichen und fördern Spaltung. Die kleinste Konversation kann eskalieren. Aus rein technischen Gründen zählt nicht das Argument, sondern die Verweildauer auf einem Argument oder einem Post, das Beschäftigen mit einem Kommentar, die Reaktion an sich – nicht der Inhalt der Reaktion, nicht der Inhalt der Gegenrede.


Das Medium selbst macht die damals richtige Methode heute zu einer falschen


Was früher, 1968 auf der Straße und sehr lange danach, noch genau richtig war – laut und meinungsstark dagegen schreien, klare Kante zeigen, dagegenreden, sich auf jeden Fall zu etwas äußern – ist es heute nicht mehr immer, nicht auf Facebook. Das Medium selbst macht diese damals richtige Methode heute zu einer falschen. Wer auf Facebook auf eine gegenteilige Meinung reagiert, erweist dieser einen Dienst, verleiht ihr Bedeutung, die sie bei Ignorieren nicht hätte. Das verwirrt. Was bisher wirkungsvoll und redlich war, ist es – wegen der Algorithmen – heute nicht mehr.


Um im Bild zu bleiben: das Kapitol braucht also den Kampf in der Arena.

„Denk immer daran, wer der wahre Feind ist“

sagt Haymitch zu Katniss im zweiten Teil der Panem-Trilogie. Katniss zerstört die Arena und „steigt aus der Grube“.


Versteht mich nicht falsch: Deshalb bleiben viele Krieger in der Grube trotzdem Vollidioten – doch sollten wir diese nicht oben, außerhalb der Grube, bekämpfen – mit unseren zivilisatorischen Mitteln, und die Grube selbst, mitsamt ihren gefährlichen Regeln, irrelevant machen?


Viele haben das schon lange verstanden – sie bleiben dem Morast, der sich Facebook nennt, fern. Ich denke, sie wissen, da wird mit Schlamm geschmissen und Äxten geschwungen und am Ende verliert immer: das eigene Wohlbefinden, die Demokratie und profitiert nur Unternehmer Zuckerberg.